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Den Zinseszins erfahren: Der Turbo mit Zeitverzögerung

Fast auf den Tag genau vor zehn Jahren gab es etwas zu feiern – mein Zahltag-Depot wurde sechsstellig. Am 17. März 2016 führten wir im Inner Circle ein Coaching-Webinar unter dem Titel „Jahresauftakt 2016 – Verblüffende Erkenntnisse“ durch. Am Vortag wies mein Kontoauszug erstmals eine sechsstellige Summe aus.

Nehmen wir das 10jährige Jubiläum meiner „Sechsstelligkeit“ als Anlass für einige Betrachtungen über die Kraft des Zinseszinses. Darüber wurde schon viel geschrieben und manches Video veröffentlicht.

  • Die 72er Regel besagt, dass wir 72 durch die jährliche Rendite unseres Depots dividieren und dann wissen, wie viele Jahre es dauert, bis sich unser Depot verdoppelt: 72 geteilt durch 12% Rendite ergibt 6 Jahre für eine Verdoppelung.
  • Die 240er Regel besagt, dass wir 240 durch die Rendite unseres Depots teilen und dann wissen, wie lange es bis zu einer Verzehnfachung unseres Depots braucht: 240 geteilt durch 12% Rendite ergibt 20 Jahre, bis sich unser Depot verzehnfacht.
  • Wir wissen auch, dass es die letzten Jahre sind, in denen der Zinseszins spürbar wird: Ob ich 12% Rendite über einen Zeitraum 20 oder 25 Jahre für mich arbeiten lasse, macht einen Unterschied. 20 Jahre sind, zeitlich betrachtet, 80% von 25 Jahren. Aber nach 20 Jahren habe ich nur 56% des Geldes erwirtschaftet, das ich nach 25 erwirtschaften würde.   

All das wird in zahlreichen Abhandlungen und Videos erklärt, viele wissen es. Aber was machen wir daraus? Oftmals nichts, denn uns sind sechs oder sogar 20 Jahre viel zu lange. Wir drücken aufs Tempo, wo Ruhe angesagt wäre.  

Ich habe den Zinseszins schon vor langer Zeit mathematisch verstanden, es ist schließlich keine Raketenwissenschaft. Seine Bedeutung zu erfahren, eröffnete mir allerdings noch einmal eine komplett andere Sichtweise. Das ist ungefähr so, als würde man einen Reiseführer über ein Traumziel – die Malediven, Paris, London, Dresden – lesen oder selbst vor Ort sein und dann vor Staunen den Mund nicht zukriegen. Erfahrung ist etwas anderes als Wissen, es triggert andere Handlungen, es aktiviert andere Synapsen in unserem Gehirn. Ich mache es konkret.

Am 30. November 2009 habe ich 10.000 Euro zusammengekratzt, um mein Handelskonto bei Interactive Brokers zu kapitalisieren. Eine Menge Geld für jemanden, der damals als Angestellter rund 3.000 Euro brutto verdiente, zwei schulpflichtige Kinder hatte und in einem Haus wohnte, das faktisch der Bank gehörte. Es dauerte bis zum 16. März 2016 – also fast sechseinhalb Jahre – bis aus den 10.000 Euro 100.000 geworden waren. Mit Ein- und Auszahlungen und sinnfreiem Hin- und-Her-Traden, teilweise bis zum 30-Sekunden-Heikin-Ashi-Chart, versuchte ich den Zinseszins zu beschleunigen.

  • Am 30.03.2017 standen auf dem Kontoauszug erstmals über 200.000 Euro – nämlich 224.005,38 Euro.
  • Am 31.01.2019 waren es 303.378,62 Euro. 
  • Am 31.12.2019 beendete ich das Jahr mit einem neuen Rekord von 410.882,73 Euro.
  • Dann kam Corona – und mein Konto brauchte für die nächsten 100.000 Euro etwas länger – am 12. August 2022 knackte ich die 500.000 und erreichte erstmals 505.335,28 Euro. Das war dann auch die erste 100.000er Marke, die ich ohne neue Einzahlungen erreichte. Daran hat sich seitdem nichts geändert.
  • Die 600.000 fiel am 23. September 2024, ich erreichte 601.301,40 Euro. Dazwischen lag der Bärenmarkt von 2022/2023, der mein Konto unter Druck brachte, weil die Zinsen stiegen und meine relativ hoch gewichteten REITs nahezu durchgängig auf Tauchstation gingen.
  • Und am 09. Januar 2026 zeigte mein Kontoauszug erstmals über 700.000 Euro – nämlich 700.300,69 Euro.   

Betrachten wir die Zahlen mal unter einem anderen Blickwinkel.

Um aus meinen ersten 10.000 eingezahlten Euro 100.000 zu machen, benötigte ich 2.298 Tage, also 6,3 Jahre. Die nächsten 100.000 erreichte ich in 379 Tagen. Und so weiter.

Dazwischen lagen Durststrecken wie der Corona-Crash und der Bärenmarkt 2022/2023. Es brauchte länger, um die nächsten Schwellen zu knacken, aber ich habe nie wieder sechs Jahre gebraucht, um mein Konto um 100.000 Euro zu vergrößern. Nach dem Corona-Crash brauchte ich nur 42% der Zeit, die ich für die ersten 100.000 Euro gebraucht hatte, um die nächsten 100.000 voll zu machen. Danach waren es 34% der Zeitdauer und für die letzten 100.000 noch 21% der Zeitdauer, die für die ersten 100.000 Euro nötig waren. Das ist mathematisch völlig logisch, denn prozentual sind 100.000 auf 200.000 Euro immerhin 100% Zuwachs, während es von 600.000 auf 700.000 nur 17% Plus sind. 100.000 Euro zu verdienen, sollte also deutlich schneller gehen, je weiter das Konto wächst. Das ist Zinseszins in Aktion.

Was ich mit diesem Beitrag verdeutlichen will: Das Konzept des Zinseszinses ist keine theoretische Kopfgeburt. Es funktioniert. Es funktioniert bei solch unspektakulären Investmentansätzen wie meinem, den manche für suboptimal halten mögen. Der Zinseszins funktioniert trotz Corona-Crash, Bärenmarkt, Zinsanhebungen, 2 x Trump, Ampelregierung, Steuerlast, Pinocchio-Koalition, Ukraine- oder Irankrieg, Ölpreis-Schock. Er funktioniert mit Einzahlungen schneller, aber auch ohne Einzahlungen zuverlässig. Der zeitliche Abstand, wann die kommenden 100.000 Euro erreicht werden, wird tendenziell immer kürzer. Mathematik lässt sich nicht austricksen. Alles, was es braucht, sind drei Dinge:

  1. eine stringente Strategie,
  2. einen langen Atem,
  3. Demut, sich dem Zinseszins zu unterwerfen und nicht zu versuchen, schlauer zu sein.

Nicht umsonst hat Charlie Munger seinerzeit gesagt, wir sollten alles daransetzen, so schnell wie möglich die ersten 100.000 Dollar (er sprach von Dollar) zu erreichen. Danach schaltet der Zinseszins, der dann spürbar wird, das Depot faktisch auf Autopilot. Vergessen wir also nicht: Die Zeit ist der Freund des besonnenen Investors und der Feind des wild entschlossenen Traders. Man muss sich die Zeit nehmen, diese Erfahrung zu erleben – nicht, sie sich anzulesen. Beim Aufpassen aufs liebe Geld schlägt Besonnenheit das Hin und Her des Traders, der ich einmal war. Ich hoffe, das motiviert etwas zum Weitermachen!

1 Kommentar

  1. Moin, schönes Beispiel. Noch besser wäre es aber, wenn man die jährlichen Einzahlungen mit abbilden würde. Aktuell kann man nicht wirklich erkennen, wie hoch der Anteil des Zinseszins war.

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