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Ich möchte heute eine Idee teilen, die mir seit Jahren hilft, psychologisch kaltblütiger zu investieren.
Viele Investoren haben das Problem, dass sie gern viel investieren, wenn die Märkte in eine bullishe Richtung laufen. Steigen Dow Jones, S&P 500 oder NASDAQ Composite auf neue Rekordmarken, werden sie von der leisen Angst beschlichen, etwas zu verpassen. Dann wird gekauft, was die Kasse hergibt, nur um nichts zu verpassen. FOMO wird dieses Phänomen genannt. Es gibt Momentum-Strategien, die darauf basieren, immer neue Allzeithochs zu kaufen. Das will ich gar nicht werten, sondern nur sagen: Ich kann das nicht. Einkaufen, wenn etwas superteuer ist, das macht für mich kaufmännisch wenig Sinn.
Dann gibt es natürlich das andere Extrem: Man kauft ausschließlich dann ein, wenn die Marktindizes abwärts gelaufen sind und hoffentlich einen Boden finden oder schon gefunden haben. Auch ein solches Herangehen mag seine Vorteile haben, aber für mich ist es schwierig zu timen. Denn: Mein Depot ist eben kein Abbild irgendeines Index‘, d.h. die Bewegungen können komplett andere sein. Mein Konto hat Allzeithochs erreicht, wenn Märkte fielen und es ist andererseits zeitweise kaum gewachsen, als die Indizes rasant anstiegen.
Für mich habe ich einen Orientierungsmaßstab gefunden, den ich einfach mal zur Diskussion stellen möchte: die eigene Equity-Kurve. Die ist nichts anderes als eine Abbildung der Entwicklung aller Positionen in meinem Depot, egal ob Aktien, Optionen oder Cash-Positionen.
Jeder kann sich so eine Kurve für sein Konto selbst anlegen – entweder in Excel oder in einer Software. Ich setze meinen täglichen Kontostand ins Verhältnis zu einem einfachen 90-Tage-Gleitenden Durchschnitt, also dem durchschnittlichen Kontostand der vergangenen drei Monate. Für die vergangenen sechs Jahre sieht die Kurve so aus.

Gelb markiert habe ich die Zeitfenster, in denen mein Depotwert unter den 90-Tage-Durchschnitt gefallen ist. Das deutet darauf hin, dass meine Aktien gerade günstig sind. In diesen Zeiten gehe ich also offensiv auf Schnäppchenjagd, kaufe gern doppelt bis viermal so viel ein wie in normalen Monaten. In diesen Zeitfenstern ist tendenziell auch der breite Aktienmarkt schwach, die Volatilität steigt an, sodass ich auch tendenziell Optionen zu höheren Prämien verkaufen kann als in ruhigem Fahrwasser.
Was ist der Vorteil für mich? Ich habe keinerlei FOMO mehr. Ich investiere in einem normalen Tempo, wenn der Depotwert oberhalb des Durchschnitts liegt. Meine Cashreserven wachsen tendenziell, weil ich in ruhigen Monaten mehr Dividenden und Optionsprämien einnehme als ich an Geld für Aktienkäufe ausgebe. Inzwischen sind das meist 3.000 bis 6.000 Dollar pro Monat, die ich in ruhigen Zeiten investiere, also vielleicht ein halbes bis ein Prozent auf meine Kontogröße gerechnet. Ich bin nicht traurig, wenn ich wenige Chancen finde, weil ja mein Cash-Berg wächst.
In der nächsten Schwächephase habe ich dann hoffentlich genug Geld, um auch mal zwei Prozent zu investieren, also das Doppelte bis Vierfache des normalen Volumens.
Die Folge: Ich komme so aus jeder Schwächephase des Marktes mit mehr Aktien heraus, als ich hereingegangen bin. Ich bekomme 100 Dollar Dividende deutlich günstiger zu kaufen als in Phasen, wo die Kurse durch die Decke gehen. In den nachfolgenden Aufschwungphasen habe ich dann also mehr Schwung bei der Depoterholung.
Für mich hat sich diese Art des antizyklischen Investierens besser bewährt als die bloße Betrachtung der nackten Indizes und der allgemeinen Marktsituation. Denn mein Depot korreliert auf Grund seiner Struktur mit keinem Index. Vielleicht ist das ja ein Denkanstoß für den einen oder anderen, mit mehr Gelassenheit die Markt- und Depotschwankungen zu beobachten und kurzfristige Rückgänge im Depotwert als das zu sehen, was sie inzwischen für mich sind: kein Risiko und Drama, sondern Einkaufs-Chancen.




