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Die 100.000-Euro-Frage: Wie würde ich heute starten?

Wenn du noch keine einzige Aktie besitzen würdest, du 100.000 $ hättest, wie würdest du komplett von Null starten? Ich frage so „blöd“ weil ich mir selbst gerade diese Frage beantworten muss.

Ich kriege mindestens einmal pro Woche Fragen gestellt, wie ich eine große Geldsumme anlegen würde, wenn ich heute noch einmal starten müsste. Meist sind es Menschen, die eine Erbschaft gemacht haben, Immobilien oder eine Firma verkauft oder eine Lebensversicherung ausgezahlt bekommen haben. Gelegentlich sind es auch Menschen, die mit einer sechsstelligen Abfindung aus dem Job ausgestiegen sind und die jetzt ihr Geld gewinnbringend selbst managen wollen.

Ich versuche meist, mich elegant um eine Antwort zu drücken. Und zwar nicht aus Angst, sondern aus Verantwortung. Denn ich kenne den wichtigsten Punkt dieser potenziellen Investoren nicht: Welche Erfahrung haben diese Menschen an den Märkten und mit dem Investieren in Aktien?

Das ist keine akademische Frage. Müsste ich heute noch einmal von Null anfangen, mit nichts als einem Batzen Geld, aber mit meiner Erfahrung der vergangenen 20 Jahre, würde ich mir einen Plan machen, eine Liste mit Aktien zusammenstellen und entweder diese Unternehmen direkt kaufen, wenn die Bewertung stimmt. Oder ich würde sie über Optionen bewirtschaften und so auf günstige Einstiegspreise warten. Mir macht es nichts aus, dass dabei Zeit vergeht, denn als Optionsverkäufer verdiene ich an jedem verstrichenen Tag. Außerdem kann ich gut damit umgehen, wenn der Aktienkurs einer bestehenden Position mal um 20 oder 50% abschmiert. Ich habe das viele Male er- und überlebt und inzwischen eine gewisse Abgebrühtheit entwickelt. Ich traue mich zu kaufen, wenn andere an den Märkten die Flucht ergreifen und sich schwören, nie wieder eine Aktie zu kaufen.

Genau diese Abgebrühtheit kann ich bei anderen nicht voraussetzen. Insbesondere dann, wenn sie über keine Erfahrung mit Börsencrashes, Wirtschaftskrisen, Bärenmärkten verfügen und diese nur aus dem Fernsehen, Börsenbüchern oder der Zeitung kennen. Neueinsteiger stehen da vor einem Dilemma: Sie möchten einerseits, dass ihr Geld sofort in vollem Umfang für sie arbeitet. Also rein in den Markt – und zwar mit Vollgas und zu 100%. Andererseits haben sie noch nie erlebt, wie es sich anfühlt, wenn aus einem 100.000 Euro-Depot innerhalb von Tagen oder gar Stunden ein 80.000 oder 50.000 Euro-Depot wird. Sie sterben tausend Tode, verfluchen die Börse und verkaufen genau dann, wenn Profis anfangen einzukaufen.  

Deswegen würde ich immer raten, sein Geld über mehrere Jahre hinweg schrittweise zu investieren. Jeden Monat zwei Prozent der Summe beispielsweise. Anhand des schrittweise wachsenden Depots kann man sehr schöne psychologische Studien an sich selbst betreiben. Bei welcher Depotgröße werde ich nervös, wenn der Depotstand sinkt? Ab welcher Depotgröße ertappe ich mich dabei, jede Stunde mit dem Handy meinen Kontostand zu checken?  

Wenn ein 3.000-Euro-Depot um 50% schrumpft im nächsten Crash, bleibt man vielleicht ruhig. Wenn das mit 10.000 oder 50.000 Euro passiert, wird man unruhig. Und passiert es einem Neueinsteiger mit einem 100.000-Euro-Depot, wird dieser an der eigenen Persönlichkeit Seiten entdecken, die man dort nicht vermutet hätte. Vor allem, wenn man keinerlei Reserven für Nachkäufe zu Tiefstkursen hat. Wahrscheinlich wird einen das Reptilienhirn zu unbedachten Handlungen verleiten – man ergreift in Panik die Flucht, wenn es klug wäre, säckeweise Aktien zu kaufen. Also, liebe Neueinsteiger: Wer langsam startet, kommt schneller ans Ziel. Die Resilienz gegenüber den Kapriolen der Märkte muss man sich antrainieren, sie wächst langsam, ähnlich wie ein Muskel. Ich habe 20 Jahre gebraucht, diese Herausforderung zu meistern, und mit steigender Depotgröße steigt schrittweise die Toleranz gegenüber mehreren Tausend Euro Kursschwankung innerhalb des Tages. Vor drei, fünf oder zehn Jahren hätte mir das schlaflose Nächte bereitet. Heute bleibe ich gelassen – aber das war eine harte Schule.     

Inzwischen muss man ja auch keine Angst mehr haben, dass das nicht investierte Geld zwischenzeitlich völlig wertlos wird. Auf Euro-Guthaben über 10.000 Euro zahlt mir mein Broker über 1,43% Zinsen bei täglicher Verfügbarkeit. Auf USD-Guthaben sind es sogar 3,58% ab 10.000 US-Dollar Guthaben und einem Kontostand von mehr als 100.000 Euro. Es gibt also keinen Grund zur Eile.   

Kurz: Wer zu einem Batzen Geld kommt, sollte keine Hektik entwickeln, dieses Geld möglichst schnell in die Märkte zu pumpen. Erstmal drauf aufpassen, einen Plan entwickeln und schrittweise, passend zum eigenen Nervenkostüm, investieren.

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