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Es gibt „Börsenweisheiten“, die werden immer wieder ungeprüft übernommen. Besonders in der Zeit der schnelllebigen Blogger, der Möchtegern-Ratgeber und der Finanzverkäufer schreibt gern einer vom anderen ab, ohne zu hinterfragen, ob die „ewigen Wahrheiten“ tatsächlich wahr sind. Welche dieser Binsenweisheiten aber gelten tatsächlich? Einer, der sich die Arbeit gemacht hat, ein rundes Dutzend Börsenmythen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen, ist der Kölner Investor, Finanzberater und Autor Hartmut Jaensch. Sein Buch „Börsen-Phasen entschlüsseln“ ist im Sommer 2018 erschienen und einer der seltenen Lichtblicke in der deutschsprachigen Finanzliteratur.

Hartmut Jaensch ist ein Praktiker und offensichtlich ein Daten-Junkie. Das wird deutlich, wenn er die Motivation für sein Buch beschreibt. Sein Ziel war es dabei, nur in den Phasen im Markt investiert zu sein, in denen eine vielversprechende Performance zu erwarten ist. Die reichlich auftretenden Phasen relativer Underperformance möchte er vermeiden.

Dutzende von Börsen-Binsenweisheiten hat er ausprobiert und dabei im Laufe von Jahrzehnten offensichtlich immer wieder Bauchlandungen erlebt. Ob die Zinsen nun steigen oder fallen, die Ölpreise rauf oder runter gehen, die Staatsverschuldung ansteigt oder abgebaut wird – klare, eindeutige Signale konnte er aus diesen Tendenzen nicht ableiten. Also nahm er Schritt für Schritt jeden erdenklichen Börsenmythos unter die Lupe. Er analysierte dazu offensichtlich Unmengen von Daten über einen Zeitraum von 100 Jahren, viele Bullen- und Bärenmärkte hinweg und auch für einzelne Wirtschaftsräume.
Herausgekommen ist ein Buch, das sich in den ersten 28 von 30 Kapiteln damit beschäftigt, was alles nicht funktioniert. Expertentipps – Fehlanzeige. Politische Börsen – Fehlanzeige. Aber auch steigende oder fallende Anleihezinsen taugen als alleiniges Indiz für steigende oder fallende Aktienmärkte nicht, ebenso wenig wie steigende und sinkende Notenbankzinsen oder ein starker Euro, ein schwacher Euro, ein steigender oder ein fallender Dollar. Goldpreis, Ölpreis, Rohstoffpreise – ebenfalls untaugliche Mittel für die Bestimmung von Ein- und Ausstiegspunkten an der Börse. Ob die Konjunktur brummt oder schwächelt, ob die Inflation hoch ist oder eine Deflation droht – kein einziger dieser Indikatoren taugt als alleiniger Signalgeber für Ein- und Ausstiege in die Aktienmärkte.
Die Auflösung erfahren die Leser erst auf den letzten 30 der 342 Seiten des Buches. Hartmut Jaensch hat aus den Einzelindikatoren ein Trendscoring-Modell entwickelt, das ihm taggenau Ein- und Ausstiegssignale liefert. Selbstverständlich vergisst er nicht, dem Leser seine Prognosen zu verkaufen – daran ist nichts Ehrenrühriges. Sein Unternehmen „prediqma – Institut für Börsenstrategie GmbH“ bietet einen Signaldienst an, der für einen überschaubaren Geldbetrag die aktuelle Börsenphase analysiert und über 1.000 Aktien nach dem Trendscoring-Modell analysiert.
Dabei stützt er sich auf weniger als ein Dutzend Einzelindikatoren: den Relativzins, die Zinsstruktur, die Anleiherenditen, das Wechselkursverhältnis Euro-US-Dollar, die Rohstoff- und Ölpreise sowie saisonale Phasen. Das gesamte Phasenmodell berücksichtigt fünf Faktoren:
- Der Realzins
- Finanzmarktdaten statt amtlicher Statistiken
- Phasenverschiebungen und saisonale Schwankungen
- Langfristig getestete Indikatoren (mindestens 50 Jahre)
- Globale Anlage-Orientierung

Mein Fazit
„Börsen-Phasen entschlüsseln“ liefert eine ausführliche Beschreibung makroökonomischer Zusammenhänge aus den verschiedensten Blickwinkeln. Die komplexe welt- und finanzwirtschaftliche Materie wird in ihre Bestandteile zerlegt, erklärt, und am Ende wieder zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Hat man die Einzelbausteine und ihre wechselseitigen Wirkmechanismen verstanden, lassen sich Börsenphasen relativ treffsicher bestimmen. Für mich als Buy-and-Hold-Investor war das Hintergrundwissen eine echte Horizont-Erweiterung.
Ich werde allerdings eines nicht tun: Mein Depot in Baisse-Phasen auflösen und in Hausse-Phasen wieder zusammenkaufen. Denn auch diese Erkenntnis vermittelt Jaensch: Selten laufen weltweit alle Aktienmärkte synchron. Es gibt zeitliche, regionale und branchenspezifische Phasenverschiebungen, so dass sich immer irgendwo günstige Investment-Gelegenheiten ergeben. Außerdem ist meine Intention nicht, ein Depot zu kreieren, das irgendwelche Benchmarks schlägt. Ich möchte lediglich ein regelmäßiges, wachsendes Einkommen generieren. Ob mein Portfolio dabei um fünf Prozent schneller oder langsamer wächst, als ein Vergleichsindex, ist mir relativ egal. Hartmut Jaensch aber legt in seinem Buch gerade darauf den Fokus. Outperformance erzielen, Underperformance vermeiden. Dafür liefert er mit „Börsen-Phasen entschlüsseln“ eine ausgefeilte, datenbasierte Roadmap.




