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Kürzung Nummer zwei: LyondellBasell halbiert die Dividende

Vor fünf Monaten habe ich in einem Video über die unsichere Dividende des in den Niederlanden basierten Chemieunternehmens gesprochen. In dieser Woche nun verkündete der Vorstand eine Kürzung der Gewinnausschüttung um mehr als 49% – statt 1,37 Dollar pro Quartal gibt es zukünftig noch 0,69 Dollar. Ursprünglich hatte ich geplant, die Position auch im Falle eines Dividendenschnitts zu halten. Immerhin: Wenn es zukünftig statt 10% unsicherer Dividende 5% sichere Dividende gibt, wäre das immer noch ein lohnendes Investment.

Nach der Bekanntgabe der Kürzung habe ich allerdings meine Position kurzerhand komplett liquidiert. Dafür gibt es zwei Gründe: Einer liegt beim Unternehmen, ein zweiter bei mir. Fangen wir mit der Firma an: Die Begründung des Vorstands zur Dividendenkürzung sieht wenig hoffnungsfroh aus. Der CEO kommentierte die gekürzte Ausschüttung so:

Trotz eines der längsten Abschwünge unserer Branche konnte LYB im Jahr 2025 rund 2 Milliarden US-Dollar aus vorhandenen liquiden Mitteln und dem operativen Geschäft an unsere Aktionäre ausschütten. Da die Märkte voraussichtlich weiterhin vor Herausforderungen stehen werden, haben wir beschlossen, die Dividende anzupassen, um das Unternehmen für den Erfolg nach der Markterholung optimal aufzustellen. Im Jahr 2026 konzentrieren wir uns auf Sicherheit und Zuverlässigkeit, treiben gleichzeitig weitere Kostensenkungen voran und suchen nach neuen Möglichkeiten zur Steigerung der Profitabilität. Wir halten weiterhin an unserem Ziel fest, 70 % des freien Cashflows über den gesamten Konjunkturzyklus hinweg an die Aktionäre auszuschütten.

Soweit CEO Peter Vanacker.

Ich übersetze diese Äußerung für mich so: Der Abschwung der Branche dauert bereits seit 2022 an, wir wollten durchhalten, aber es ist kein Ende abzusehen. Gleichzeitig braucht das Unternehmen Geld, um seine Zukunft zu sichern: Investments in profitablen Regionen, wie etwa den USA und im Nahen Osten stehen an, während der Ausstieg aus dem Europa-Geschäft schwierig verläuft. Wer kauft in Europa aktuell Chemie-Betriebe? Vorsichtig ausgedrückt: Der Kontinent rangiert für einen Investor in der Branche auf einem der hinteren Plätze. Wenn selbst das Management keine Anzeichen für eine Verbesserung der Lage sieht, warum sollte ich dann auf Optimismus machen? Hoffnung ist bekanntlich keine Strategie. Diese hochbezahlten Fachleute kennen ihre Branche hoffentlich deutlich besser als ich.

Das bringt mich zum zweiten Grund: Mir ist nach reiflicher Überlegung deutlich geworden: Mein Depot kann seinen Zweck nur erfüllen, wenn die Dividenden steigen – sowohl insgesamt, als auch bei der Mehrzahl der einzelnen Unternehmen. Gerade noch akzeptabel sind stagnierende Dividenden bei einer begrenzten Anzahl von Firmen. Aber Kürzungen will ich nicht hinnehmen, vor allem, wenn eine Rückkehr zu steigenden Dividenden auf der Basis einer wirtschaftlichen Erholung nicht absehbar ist. Bei REITs oder BDCs etwa, die ihre Gewinne zum großen Teil als Ausschüttung weiterreichen müssen, kann ich mit zeitweiligen Kürzungen leben. Aber für Zykliker, wie etwa LyondellBasell oder auch SFL seinerzeit, muss ich ein hartes Ausschlusskriterium haben. Ich kann meine Altersbezüge nicht zum Spielball konjunktureller und geopolitischer Kapriolen machen. Die 37 Dividendenanhebungen in diesem Jahr bisher nutzen wenig, wenn ich gleichzeitig nicht den Schneid habe, die Rohrkrepierer auszusortieren.

Meine 120 Aktien habe ich also verkauft. Insgesamt hat mich mein Engagement 1.778,20 Dollar gekostet, das sind rund 12,6% der investierten Summe, inklusive Dividenden und erhaltener Optionsprämien sowie der steuersparenden Verlustrealisierung vom Dezember. Klingt viel, ist aber etwas mehr als 0,2% meines Kontos. Die geringe Positionsgröße erleichtert mir den Abschied. Ein Verlust in dieser Größenordnung gehört zum Alltag jedes Aktieninvestors. Es ist eine von 98 Aktien, von der ich mich trenne, das muss man abkönnen.  

Gekauft wurden anstelle dessen 2.000 Stück Medical Properties Trust, damit bin ich dort wieder bei einer vollen Position angekommen. Die Aktie fiel am Freitag nach einer fulminanten Rallye am Vortag.

Was mich zu einem Schlussgedanken bringt: Wann ist der beste Zeitpunkt, eine Aktie zu verkaufen, die die Dividende kürzt – vor dem Cut, unmittelbar danach oder vielleicht noch etwas später?

Sicher werden einige jetzt wieder frohlocken und sagen „Das war doch absehbar, typisch Gajowiy, dass er wartet, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist.“ Ich denke, es gibt hier keine standardisierte Herangehensweise. Würde ich jedes Mal Aktien verkaufen, wenn Gerüchte oder Artikel über bevorstehende Kürzungen kolportiert werden, hätte ich einen großen Teil meiner heutigen Aktien nicht mehr im Depot und sie grundlos verkauft, weil eine Kürzung bis heute nicht stattgefunden hat. Also tendiere ich dazu, nach einer Kürzung zu verkaufen. Ob ich das unmittelbar am Tag der Nachricht mache oder etwas später, werde ich operativ entscheiden. Bei LYB war die Kürzung eingepreist und der Aktienkurs reagierte mit Erleichterung, nachdem die Nachricht raus war. Der Verkaufskurs lag für mich mehr als 36% über dem 12-Monats-Tief, ein akzeptables Niveau.

Ich habe aber auch schon vor Kürzungen „auf Ansage“ verkauft und werde das wieder tun, wenn eine solche vom Vorstand mehr oder weniger deutlich kommuniziert wird. Bei der Bäckereikette Flowers Foods etwa ist eine bevorstehende Dividendenkürzung ziemlich unverblümt vom Vorstand selbst in den Ring geworfen worden, deswegen liebäugle ich hier mit einem Verkauf bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit.

Was ich hier teile, sind meine privaten Überlegungen, und die können sich im Nachhinein immer als falsch herausstellen oder sie können sich ändern. Das nennt man Lernen. Deswegen sollte sich jeder Investor selbst Gedanken machen, wie er mit solchen Ereignissen umgehen möchte und sich auch nicht scheuen, eigene Meinungen in Anbetracht neuer Fakten (hier: ein nicht enden wollender Abschwung der Chemieindustrie) über den Haufen zu werfen. Schließlich passt jeder auf sein Geld selbst auf. Weiterhin viel Erfolg dabei!

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