Aktuell Leer: 0,00 €
Ich gebe mir Mühe, jeden Monat eine Aktie zu kaufen. Ich umgehe so die berühmt-berüchtigte „Fear of Missing Out“ – FOMO, die Angst etwas zu verpassen. In diesem Monat habe ich mich erstmals entschieden, in ein europäisches Unternehmen zu investieren – den niederländischen Spezialverlag „Wolters Kluwer“.
Das Unternehmen ist bereits andernorts vielfach analysiert worden, es gibt inzwischen etliche Videos und Blogbeiträge darüber. Ich habe viele davon zur Kenntnis genommen, dann die Vorlage der Jahreszahlen und den dazugehörigen Earnings Call abgewartet. Erst danach bin ich am 26. Februar mit 100 Stück eingestiegen.
Was macht Wolters Kluwer? Wer Anwalts-, Steuerberaterkanzleien o.ä. schon mal besucht hat, dem sind möglicherweise Regalmeter an aufgereihten farbigen Ordnern aufgefallen. Diese enthielten früher Loseblattsammlungen mit aktuellen Gesetzestexten, Verordnungen, Musterurteilen uvm. Regelmäßig wurden Updates verschickt – dicke Umschläge, in denen Papierstapel steckten, dann musste man bestimmte Seiten durch die aktualisierten Texte ersetzen. Dafür zahlten Anwalts- und Steuerkanzleien monatlich hohe Abonnement-Gebühren, konnten aber sicher sein, dass sie stets im Besitz der aktuellsten Rechts-Texte waren. Ein lukratives Geschäftsmodell, das allerdings mit dem Aufkommen des Internet herausgefordert wurde. Jetzt musste kein Papier mehr verschickt werden, sondern man konnte die Dokumente elektronisch speichern, aktualisieren und den Abonnenten trotzdem für diesen Service Kosten in Rechnung stellen. Mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz steht nun dieses Modell ein weiteres Mal auf dem Prüfstand: Warum soll man noch für ein Abo zahlen, wenn doch ein KI-Agent genau all die benötigten Dokumente in Echtzeit finden und auswerten kann, wenn man sie braucht? Und das zu einem Bruchteil der Kosten?

Die Aktienkurse von Informationsanbietern wie Wolters Kluwer, aber auch von ähnlichen Anbietern wie Thomson Reuters aus Kanada oder RELX aus Großbritannien gingen auf Tauchstation. Fallende Kurse gehen einher mit steigenden Dividendenrenditen und Bewertungen, die sich normalisieren. Für mich tauchte also schon vor Wochen Wolters Kluwer auf meinem Beobachtungsradar auf. Nach der Vorlage der Jahreszahlen in der zurückliegenden Woche habe ich zugeschlagen.
Wolters Kluwer sitzt in den Niederlanden, bietet Spezialinformationen aus den Bereichen Recht, Steuern, Rechnungswesen, Gesundheit, Risikomanagement und Compliance. All diese Bereiche zeichnen sich durch eine hohe Aktualisierungsrate aus – etwa sich stetig ändernde Steuergesetze, neue Gerichtsurteile, aber auch Richtlinien und Studien aus dem Gesundheitswesen, die als Entscheidungshilfe für Ärzte, Kliniken und Forschungsinstitute dienen können.
Das Unternehmen erwirtschaftet mehr als 64% seiner Umsätze in den USA, mehr als ein Viertel in Europa und knapp 6% der Umsätze in Asien und im Pazifischen Raum. Insgesamt wurden 2025 mehr als 6,1 Mrd. Euro erlöst. Die Margen in diesem Geschäft sind immens: über 73% Brutto- und mehr als 21% Nettogewinnmarge deuten auf eine hohe Preissetzungsmacht hin, was wiederum ein Zeichen für einen vorhandenen breiten Burggraben ist.
Gleichzeitig reduziert das Unternehmen kontinuierlich die Anzahl umlaufender Aktien, für das gerade begonnene Geschäftsjahr stehen dafür wieder 500 Mio. Euro bereit. Für 100 Mio. Euro wurden angesichts des niedrigen Aktienkurses bereits eigene Papiere zurückgekauft und zum großen Teil geschreddert. Einen Teil der Aktien nutzt die Firma, um das Management zu entlohnen.
Hohe Gewinnmargen bieten auch ein Polster für möglichen Margendruck im Zusammenhang mit dem Aufkommen der Künstlichen Intelligenz.
Die jetzige potenzielle Bedrohung ist nicht die erste 190jährigen Geschichte des Unternehmens. Als 2000 die Internetblase platzte und der Tod aller Verlage vorausgesagt wurde, verlor der Aktienkurs mehr als 82%. Im Zuge des aktuellen Abschwungs fiel die Aktie streckenweise um mehr als 67%.
Während die durchschnittliche 10jährige Dividendenrendite lt. Aktienfinder bei etwa 1,74% liegt, beträgt sie derzeit 3,8%. Seit 2006 steigt die Dividende jährlich, im Durchschnitt um ca. 9% pro Jahr. Gerade wurde die Dividende um 8% angehoben, für 2025 werden somit insgesamt 2,52 Euro ausgeschüttet. Die Dividendenpolitik akzentuiert die jährlich steigende Dividende. Seit 2015 gibt es zwei Zahlungen pro Jahr: Im September wird eine Interimsdividende in Höhe von 40% der Vorjahresdividende gezahlt. Nach dem Jahresabschluss wird dann von der Hauptversammlung die endgültige Dividendenhöhe beschlossen und im Juni als finale Zahlung ausgeschüttet. Mit rund 45% Ausschüttungsquote ist die Gewinnausschüttung auch nach menschlichem Ermessen sicher. 15% Quellensteuer werden in den Niederlanden einbehalten und sind auf die deutsche Kapitalertragsteuer anrechenbar.
Wie sieht es nun mit der Bedrohung durch KI aus? KI-Agenten können heute schon viele Fragen aus dem Bereich Recht, Steuern, Compliance oder Gesundheit direkt beantworten, ohne dass es dazu einer WKL-Datenbank bedürfte. Das stellt das Lizenzmodell generell in Frage. Standardwissen wird immer mehr zu einem allgemein vorhandenen „Rohstoff“, das Internet ist voll von kostenfrei zugänglichen Gerichtsurteilen, Mustertexten, Steuergesetzen, medizinischen Fachartikeln usw.
Die offene Flanke hierbei: Wer haftet für die Antwort, die mir KI zusammenstellt?
Denkbar ist kräftiger Druck auf die Preise und Margen – aber hier verfügt WKL über einen ausreichenden Puffer – dank der bisher mehr als auskömmlichen Margen.
Kunden könnten auch auf die Idee kommen, ihre eigenen KI-Lösungen zu entwickeln oder von der KI entwickeln zu lassen. Allerdings steht auch hier die Frage an: Welcher Steuerberater, welcher Anwalt oder Arzt wird das tatsächlich tun?
WKL arbeitet inzwischen selbst mit KI und übernimmt damit einen Teil der unternehmerischen Risiken, die manchem Klienten anfangs nicht bewusst sein dürften – etwa Datenschutz- und Haftungsrisiken oder regulatorischen Risiken (Frage: Darf eine Bank KI für eine Compliance-Lösung einsetzen – ja. Aber was sagen die Regulierungsbehörden dazu?)
Das Unternehmen geht in die Offensive und integriert in seine Produkte verschiedenste Tools künstlicher Intelligenz. So können Anwälte oder Steuerberater etwa nicht nur die öffentlich einsehbaren Gesetze durchforsten, sondern auch hausinterne Dokumente für die Recherchen heranziehen, etwa Schriftwechsel aus früheren Verfahren uvm. Wolters Kluwer selbst geht für das bevorstehende Geschäftsjahr von weiter wachsenden Umsätzen und Gewinnen aus. Analysten erwarten einen um mehr als 9,7% steigenden Gewinn pro Aktie. Das jährliche Renditepotenzial von 19,63% mag optimistisch erscheinen, denn es setzt voraus, dass die Bewertung der Aktie sich vom aktuellen KGV von 12 auf 15 verteuert und der Aktienkurs auf über 104 Euro steigt. Das ist nicht unmöglich, denn die Aktie hat auch schon 180 Euro gekostet, bevor sie ihre Talfahrt begann. Aber mit Aktienkurssteigerungen kalkuliere ich nicht, denn die liefern mir kein Einkommen, solange ich nichts verkaufe.

Ich habe mir also ein pessimistisches Szenario modelliert mit nur noch 4% jährlichem Gewinnwachstum und einem KGV, das bei 12,80 verharrt.

Die prognostizierte Rendite sinkt dann auf nur noch 4% jährlich, kein überragender Wert, aber für ein „Katastrophenszenario“ durchaus akzeptabel. Eine Bewertung nach dem Discounted Cashflow-Modell hat für ein Stresstest-Szenario einen fairen Wert der Aktie zwischen 80 und 95 Euro ergeben, was sich mit dem hier abgebildeten Szenario durchaus deckt.
Insgesamt muss natürlich die Zukunft zeigen, ob und wie das Unternehmen sich entwickelt. Ein Investment in einen solchen runtergeprügelten Wert ist zweifelsfrei riskant, aber dafür stehen den überdurchschnittlichen Risiken auch überdurchschnitttliche Chancen gegenüber. Wer das nicht aushält, sollte die Finger davon lassen. Ich habe weniger als 0,9% meines Geldes in das Unternehmen gesteckt, darauf muss ich jetzt aufpassen.




